Stimmung - Stockhausen, Karlheinz

Titel

Stimmung : Nr. 24

Komposition

Stockhausen, Karlheinz

Besetzung

für 6 Vokalisten

detaillierte Besetzung

2 Soprane, Alt, 2 Tenöre, Bass

Dauer

ca. 70 Minuten

Schwierigkeitsgrad

6 professionell

Schlagwörter

Aleatorik, erweiterte Spieltechniken / Vokaltechniken, graphische Notation, Improvisation, Kompositionswerkstatt, Live-Elektronik / Zuspiel, offene Form, Raummusik

 

KOMMENTAR

 

Kurzbeschreibung

Karlheinz Stockhausens „Stimmung“ ist ein Klassiker der jüngeren Musikgeschichte für ein solistisch besetztes Vokalensemble. Während der gesamten Aufführung werden nur Akkord- bzw. Obertöne eines B-Dur-Akkordes gesungen. Hinter dieser meditativen Folie findet ein reichhaltiges musikalisches Leben aus multiplen Rhythmen, Obertongesang, Improvisationselementen, rezitierten erotischen Gedichten und laut ausgerufenen Götternamen statt. Momente der kollektiven Ruhe und des Gleichklangs wechseln sich ab mit Momenten einer komplexen individuellen Unruhe. Ein Werk, das den Geist der siebziger Jahre atmet, beseelt von kollektivem Glück und einer spirituellen Verbindung mit dem Kosmos.

Notation

Es liegen zwei verschiedene Fassungen vor: zum einen die „Urfassung“, bestehend aus verschiedenen Sammlungen von Modellen, Götternamen, Gedichten, einem Gesamtverlaufsplan und einem ausführlichen Regelwerk; zum anderen die „Pariser Fassung“, eine ausgearbeitete und quasi klassisch lesbare Version (die wortwörtlich übernommene Niederschrift eines Konzertes des UA-Ensembles).

Anforderungen

  • Alle SängerInnen brauchen Mikrophone; sechs Lautsprecher sind um das Publikum nach Plan verteilt.
  • Eine Person, die die Fassung gut kennt, sollte während der Aufführung am Mischpult sitzen und immer wieder nachregeln. Das Ensemble muss die Möglichkeit erhalten, während des Stückes einen nur für sie hörbaren B-Dur-Obertonklang eingespielt zu bekommen, um die Intonation abzusichern.
  • Die Lagen der Stimmen sind im Allgemeinen moderat, für die Frauenstimmen z.T. eher tief. Die Tenorstimmen müssen in einigen Passagen in Falsettlage singen.
  • Das Stück erfordert wegen seiner Länge und des ständigen Singens auf einem Ton eine besondere Art der Kondition und auch Konzentration. Es besteht die Gefahr, sich „festzusingen“.
  • Je nachdem, welche Fassung der Arbeit zugrunde gelegt wird, ist eine immense Vor- und Probenarbeit zu leisten. Allein das Regelwerk zu lesen und zu verstehen benötigt schon sehr viel Zeit. Sollte die Urfassung gewählt werden, müssen einige Entscheidungen getroffen werden über die Verteilung und Anordnung der 51 Modelle auf den Gesamtplan. Danach muss eine individuelle Partitur von jeder Sängerin/jedem Sänger erstellt werden.
  • Die Basis des gesamten Stückes bildet eine spezielle Stockhausen‘sche Obertongesangstechnik, die eng mit einer extremen Ausformung der Vokale im Text verknüpft ist. Der Komponist verlangt, dass die Farbe der Vokale so präzise getroffen wird, dass ein bestimmter Oberton dominiert und hervorgehoben wird. Dies muss in Verbindung mit dem Mikrophon geübt werden, die Elektronik sollte also schon früh während der Proben zur Verfügung stehen.
  • Die 51 Modelle sind sehr exakt mit Text, Tempo und Artikulationszeichen versehen. Diesen Angaben sollten alle so präzise wie möglich folgen.
  • Die verschiedenen Regeln zu Transformation, Variation, Umspielung usw. brauchen sehr viel Zeit und Übung, damit souverän und frei damit umgegangen werden kann.
  • Einige erotische Gedichte aus Stockhausen‘scher Hand sind sehr privat und können befremdlich wirken. Sie sind trotzdem mit großer Ernsthaftigkeit und einer tendenziell überartikulierten Textverständlichkeit vorzutragen.

Didaktische Hinweise und Empfehlungen

  • Es ist sinnvoll, vor den eigentlichen Proben am Stück einen Workshop zum Thema Obertongesang zu veranstalten und Erfahrungen mit dem Stockhausen‘schen „Vokalviereck“ (in den Instruktionen) zu machen. Es könnte sehr hilfreich sein, eine/n SpezialistIn einzuladen, der/die sich in der speziellen Art des Obertongesanges und der Produktion der Obertöne auskennt.
  • Alle Mitwirkenden sollten zuerst ihre eigenen Modelle sehr gut beherrschen (Tempo mit dem Metronom genau kontrollieren), dann erst die Anderen miteinbeziehen. Die Tempi sind anfangs deutlich zu schnell, um alle „Kleinigkeiten“ und Vorschriften zu beachten, also sollte man zu Beginn die Tempi deutlich reduzieren.
  • Bevor besondere Techniken wie „Transformation“, „Variation“ usw. geübt werden, sollten alle Modelle mit ihren diversen Sonderregeln allen Mitwirkenden sehr gut bekannt sein.
  • Es ist wichtig, komplexe Situationen Schritt für Schritt aufzubauen: zuerst das führende Modell beherrschen, dann übereinstimmende Stimmen dazu, als nächstes die variierenden Stimmen, darauf die transformierenden und zuletzt die Stimmen, die noch andere Modelle singen.
  • Sehr sinnvoll ist es, eine Reihe von klar definierten (Hand-)Zeichen zu vereinbaren für besondere Momente: etwa kollektive Aktionen, Übergänge zwischen den Modellen. Auch können dynamische Verläufe oder schwierige Tempi individuell mit der Hand angezeigt werden.
  • Oft ist es gut, wenn man vorab sozusagen das „Endprodukt“ kennt, also die Situation, nachdem alle transformiert haben. Deshalb kann es oft von Vorteil sein, zuerst diese Situation zu definieren, um dann schrittweise rückwärts zu gehen.
  • Jeder der 51 Momente kann und sollte einzeln mit allen Extras und Besonderheiten vorbereitet werden. Nachdem drei oder vier solcher Momente geübt wurden, kann man die Momente langsam und Schritt für Schritt aneinanderreihen.
  • Es gibt sehr oft komplexe Situationen, in denen verschiedene Tempi und Rhythmen gleichzeitig im Raum sind. Auch müssen oft fließende Übergänge von einem zu einem komplett anderen Tempo gestaltet werden. Dazu kann man verschiedene Metronome gleichzeitig benutzen oder auch individuell mit zwei Metronomen, eines jeweils mit Ohrhörer in einem Ohr, üben.

Kontakt

www.karlheinzstockhausen.org

Bezugsquelle

Erschienen bei Universal Edition (http://www.universaledition.com)