Psalm - Holliger, Heinz

Titel

Psalm

Komposition

Holliger, Heinz

Besetzung

für gemischten Chor

detaillierte Besetzung

SSSSAAAATTTTBBBB

Dauer

ca. 12 Minuten

Schwierigkeitsgrad

3 mittel

Schlagwörter

graphische Notation, Improvisation, Live-Elektronik, theatralische Elemente / Musiktheater

 

KOMMENTAR

Kurzbeschreibung

Initialpunkt der Komposition „Psalm“ (30. Sept 1971) aus einer frühen Phase des kompositorischen Schaffens von Heinz Holliger, dem Instrumentalvirtuosen (Oboe), Komponisten und Dirigenten, ist die Besonderheit hebräischer Sprache, die Konsonanten zu notieren und Vokale durch Punktation anzudeuten . Auf den Text des Gedichtes „Niemandsrose“ (1963)von Paul Celan entstand ein beeindruckendes, berührendes Werk, dessen Klänge die Ränder des Verstummens und der Stille berühren, weil kaum „Vokal“-Klänge ans Licht treten. Knappe szenische Anweisungen (das Senken der Köpfe der Ausführenden) und das Verlöschen des Lichts am Ende der Komposition unterstreichen den Eindruck einer nachdenklichen Musik, die sich in die Hintergründe ihrer Textvorlage und die dort aufscheinenden Abgründe existentieller Erfahrung einlässt.

Notation

Die Tonhöhen sind grafisch notiert (in einem Rahmen dreier Parameter: hoch, mittel, tief), die Rhythmen dagegen in traditioneller Notenlängen-Schrift dargestellt. Auch die Lautstärkenvorschriften sind in bekannter Manier notiert, obgleich die Ergebnisse stets Abstufungen leisen Agierens darstellen.

Anforderungen

  • Holliger gibt in kurzen Hinweisen Ausführungsanweisungen, die das Hervorbringen geräuschhafter Klänge durch die Gestaltung des Atemstromes in Abhängigkeit konsonantischer Filterung beschreiben: Stimmlos, gehaucht, geflüstert, mit etwas Stimme, einatmend, ausatmend. Dies sind keine Lautstärkeanweisungen im üblichen Sinnen, es sind vielmehr die sängerisch-„instrumentalen“ Bedingungen des Hervorbringens bestimmter Klänge, die jedoch quasi „ff“ oder „pp“ suggerieren.
  • Auch die spärlichen „Vokalaktionen“ sind Darstellungen „geschwächten“ Klingens, „so hoch, bzw. so tief wie möglich“. Dadurch entsteht ein Kosmos ungewöhnlicher Klänge, „ein Lobgesang mit durchschnittener Kehle“, wie es Clytus Gottwald drastisch benennt. Er zielt dabei auf das Verständnis des Celan Gedichtes und seiner verborgenen Konnotation auf die schrecklichen Erfahrungen der Menschheit in den Ereignissen des 20. Jahrhunderts und des daraus resultierenden Theodizee-Problems.
  • Technische Anforderung: ein sensibler Umgang mit Mikrofonierung. Unter Umständen auch als Grundlage Live-elektronischer Arbeit mit kundigem/r TonmeisterIn/ ToningenieurIn möglich. Eventuell mit Lautsprecher-Verstärkung der Ausführenden durch Mikrofone oberhalb der vier Gruppen oder nur zweier Mikrofone oberhalb der jeweiligen Chorhälften

Didaktische Hinweise und Empfehlungen

  • Stimmbildnerische Arbeit mit Atem und Konsonantklängen ist hilfreich für die Einstudierung des Werks.
  • Exkurse in die Phonetik allgemein bzw. Stimmphysiologie als Themenschwerpunkte in Kursen, Arbeitsphasen oder Vorträgen sachkundiger Fachleute könnten sehr nützlich sein, um Vergleiche in der Phonetik der Sprachen zu finden: Pulmonale Konsonanten, Plosive, Vibranten, Taps/Flaps, Frikative, laterale Frikative, Approximanten, laterale Approximanten, bilabial, labio-dental, dental, alveolar, post-alveolar, retroflex, palatal, velar, uvular, pharyngal, glottal u.v.m.
  • Weitere Empfehlungen: Modulation von Geräuschklängen beobachten, unterschiedliche Farbwerte von Konsonanten unterscheiden lernen, Beziehung zu den Filterungen durch Konsonanten.
  • Vorsicht vor affektiver Belegung der Klänge, sie sollen musikalisiert gebraucht werden, also erst in der Phantasie des Hörers interpretiert werden und nicht als dramatische Vorlage für die Ausführenden dienen.
  • Es sollte vermieden werden, eine unmittelbare „Leidens“-Szenerie zu produzieren, vielmehr sollten geschärft werden: die Sinne für feines Hören und die Wege in Stille, die Wahrnehmung von „Zwischentönen“ überhaupt. Das Ohr kann in diesem Werk für die Schönheit des undomestizierten, sängerisch-handwerklich unbestätigten Klingens geöffnet werden.

Bezugsquelle

Erschienen bei Schott (https://de.schott-music.com)

Hinweis

Eine Vorschau zu Psalm findet sich bei notafina.