Minus 1 – Maierhof, Michael

Titel

Minus 1

Komposition

Maierhof, Michael

Besetzung

für Orchester

detaillierte Besetzung

4 Flöten, 4 Saxophone/Klarinetten, Violine 1, Violine 2, Violine 3, Violine 4, Viola 1, Viola 2, Violoncello, Kontrabass, Klavier, Luftballons; Alternativbesetzungen möglich

Dauer

ca. 15 Minuten

Schwierigkeitsgrad 4 mittel-schwer
Schlagwörter

Alltagsgegenstände,Erweiterte Spieltechniken / Vokaltechniken, Präparierungen, Raummusik, Selbstbauinstrumente

 

KOMMENTAR

Kurzbeschreibung

„Minus 1“ von Michael Maierhof ist ein effektvolles Stück, das das Orchester in einen musikalischen Hybridorganismus verwandelt. Die MusikerInnen verändern die Klänge ihrer Instrumente durch Wäscheklammern, Golfbälle, Glaskugeln und Schalen und gestalten einen lebendigen wie überraschenden Dialog mit den wahren Solisten dieses Werkes: acht im Raum verteilte Luftballon-SpielerInnen und zwei Plexiglas-Virtuosen.

Notation

Die erweiterten Spieltechniken sind durch prägnante Symbole, Diagramme, Bilder und verbale Anweisungen gekennzeichnet und erklärt. Ein ausführliches Vorwort gibt Auskunft über das Instrumentarium, die Präparierungen, die Verteilung der MusikerInnen im Raum und die anzuwendenden Instrumentaltechniken. Die rhythmische Notation ist weitgehend traditionell.

Anforderungen

Das Stück stellt unterschiedliche spieltechnische Herausforderungen an die verschiedenen Instrumentalgruppen:

  • Die Saiten der Streichinstrumente sind mit Plastik- oder Holzwäscheklammern präpariert. Aufgrund dieser Präparierungen beschränkt sich das Spiel auf leere Saiten (vor und hinter dem Steg) und auf die Klammern. Die Instrumente sollen zum Teil während der Pausen mitten im Stück „umpräpariert“ werden, was eine gewisse Übung notwendig macht.
  • In der Flötengruppe kommen neben dem Ordinario-Spiel auch Luftgeräusche und Whistletones vor. Bei den Klarinetten werden erweiterte Spieltechniken wie Spuckeklänge, Slaps, Zahntöne und Tonlos-Klänge verlangt. Die verschiedenen Spielarten werden sparsam eingesetzt und es gibt immer ausreichend Zeit, den jeweils darauffolgenden Klang vorzubereiten.
  • Der/die PianistIn bespielt den Innenraum des Klaviers mit einer Glashalbkugel und einem Tontopf. Die angewendeten Techniken sind nicht schwer zu erlernen und werden gelegentlich mit einfachen perkussiven Klängen auf den Tasten (z.B. Cluster) kombiniert.
  • Das Schlagzeuginstrumentarium besteht aus zwei präparierten Plexiglasscheiben, Plastikschalen, Glaskugeln und Golfbällen. Die verschiedenen Spielarten sind in der Partitur eindeutig beschrieben, effektiv und relativ schnell umzusetzen. Gleichzeitig verlangen sie rhythmische Stabilität und Spielsicherheit. Diese Stimmen können auch mit Ad-hoc-SpielerInnen besetzt werden, da keine besonderen Schlagzeugkenntnisse erforderlich sind.
  • Die Luftballon-Partien verlangen keine besonderen Instrumentalkenntnisse. Alle LuftballonistInnen benötigen ein etwas aufwendiges Setup mit zwei Luftballons, einem Schwamm, einer Schale mit Wasser, einem Tischtennisball und einem Golfball. Die verschiedenen Spieltechniken sind ziemlich intuitiv und werden mithilfe von Bildern und Diagrammen erläutert.

Die rhythmischen und ensembletechnischen Anforderungen werden von der räumlichen Aufstellung bedingt:

  • Die Streicher agieren fast ausschließlich homophonisch. Der/die DirigentIn steht weit entfernt am anderen Ende des Saales hinter dem Publikum. Deswegen spielen die StimmführerInnen eine sehr wichtige Rolle: Sie sollen Einsätze geben und so die Verantwortung für die ganze Gruppe übernehmen – eine gute Herausforderung für fortgeschrittene InstrumentalistInnen!
  • Bei den Bläsern werden Liegetöne und punktuelle Einsätze kombiniert, meistens im rhythmischen Unisono. Die MusikerInnen sind im Raum verteilt und zum Teil weit vom/von der DirigentIn entfernt, das heißt, Aufmerksamkeit und aktives Zusammenspiel sind unabdingbar.
  • Beim Klavier besteht die Herausforderung, bei punktuellen Einsätzen die richtige Kontaktstelle im Inneren des Instruments zu finden und gleichzeitig präzise auf den Schlag des/der weit entfernten DirigentIn zu reagieren (eine sehr gute Übung für das periphere Sehen).
  • Die Schlagzeug- und Luftballonstimmen sind die rhythmisch anspruchsvollsten. Tutti-, individuelle und chorische Einsätze werden kombiniert und erfordern Mut und Spielsicherheit von jedem Ensemblemitglied.
  • Wichtig ist: Alle InstrumentalistInnen müssen die verschiedenen Klänge ernstnehmen und diese so expressiv wie möglich ausspielen. Dadurch entsteht eine sowohl akustisch wie visuell reizvolle Choreographie, die den ganzen Konzertsaal in eine „magische Klangfabrik“ umwandelt!

Didaktische Hinweise und Empfehlungen

  • Das Stück eignet sich für mutige Musikschul- oder Laienorchester, die Lust und Freude am Experimentieren mit ungewohnten Klangerzeugern haben.
  • Das Werk sollte mit DirigentIn einstudiert und aufgeführt werden. Es benötigt aufgrund der Länge, des aufwendigen Setups und der räumlichen Aufstellung des Orchesters ziemlich viel Einstudierungszeit und kann etwa als Semesterprojekt angelegt werden. Dennoch ist das eindrucksvolle Ergebnis die Mühe wert!
  • Die Besetzung des Stückes ist flexibel innerhalb bestimmter Grenzen: die Flöten- und Klarinetten/Saxophongruppen können reduziert werden. Die Streicher- und Luftballonstimmen können auch beliebig mehrfach besetzt werden. Einzelne Instrumente wie die Bratschen und das Violoncello können auch wegfallen (siehe Anleitungen des Komponisten).
  • Die räumliche Aufstellung des Ensembles macht einen großen Saal nötig: Die Spielpositionen und die Beleuchtung sollten so organisiert werden, dass alle SpielerInnen die weit entfernte Ensembleleitung gut sehen können. Gleichzeitig sind sie auf klare und große Zeichengebung derselben angewiesen.
  • Bei mehrfacher Besetzung der Luftballonstimmen muss die räumliche Aufstellung dementsprechend angepasst werden.
  • Bei reduzierteren Besetzungen wirkt das Klangergebnis „kammermusikalischer“: Jede Stimme agiert solistischer, es ergeben sich keine Klangteppiche mehr, sondern Dialoge und Kontrapunkte. Solche Besetzungen verlangen mehr Mut, Aufmerksamkeit und Präzision von allen Beteiligten, können jedoch in kleineren Konzertsälen sehr gut funktionieren!
  • Je nach Aufführungsort kann überlegt werden, ob der/die DirigentIn statt hinter dem Publikum, mitten im Publikum auf einem Podest oder ggf. auf der Bühne steht.
  • Eine gute Probenplanung ist entscheidend. Vor der ersten Tutti-Probe sollten unbedingt Satzproben angelegt werden:
    • Eine Streicherprobe wäre nützlich, um die Präparierungen und die dazugehörigen Bogentechniken auszuprobieren, auch um ggf. Alternativlösungen für die „Umpräparierungen“ zu suchen.
    • Extra-Proben für die LuftballonspielerInnen sind notwendig, um das ungewöhnliche Setup, die Spieltechniken und ausgewählte Stellen zu klären. Der Komponist bietet an, die benötigten Sondermaterialien (Alltagsgegenstände) zur Verfügung zu stellen.
    • Der/die PianistIn sollte im Vorfeld die erweiterten Spieltechniken im Inneren des Flügels im Einzelunterricht ausprobieren und erlernen. Die Schwierigkeit besteht in der geänderten Körperhaltung und dem ungewöhnlichen Blickwinkel beim Spiel im Innenraum. Dies ist insbesondere für kleinere Menschen eine Herausforderung.
    • Eine Schlagzeugprobe sollte dazu dienen, die Plexiglasscheiben gemeinsam zu präparieren, die verschiedenen Spielarten durchzugehen und im musikalischen Zusammenhang zu proben (vielleicht zusammen mit dem/der KlavierspielerIn).
  • Die ersten Tutti-Proben sollten rein musikalisch sein, das heißt ohne räumliche Aufstellung. Komplexere Stellen wie rhythmische Unisoni zwischen Instrumentalgruppen oder Fermata-Takte müssen gut geprobt werden.
  • Eine Saalbesichtigung vor der ersten Probe im Konzertort ist wichtig, um die Spielpositionen und die Beleuchtung zu klären.
  • Das Stück benötigt dann ausreichend Probezeit in der endgültigen Aufstellung (wenn möglich mit Konzertlicht). Diese Proben dienen dazu, die rein musikalisch erarbeiteten Stellen neu zu entdecken, ohne von den neuen räumlichen Konditionen überfordert zu werden. Ein Saal mit nicht zu trockener, aber auch nicht zu halliger Akustik, in welchem alle MitspielerInnen aufeinander hören können, wäre ideal für dieses Werk.
  • „Minus 1“ eignet sich wegen seiner Länge und seiner radikalen Klanglichkeit eher für ein offenes Publikum. Dennoch kann es wunderbar sowohl mit anderen zeitgenössischen Werken oder Improvisationen als auch mit klassischen Stücken in ein Konzertprogramm zusammengefügt werden. In diesem Fall sollte genug Auf- und/oder Abbauzeit vor und nach dem Stück eingeplant werden oder das Gesamtsetup sollte schon vor Anfang des Konzerts aufgestellt werden.

Bezugsquelle

Erhältlich beim Komponisten (MMaierhof(at)stock11.de)