Erstes Madrigalbuch - Finnendahl, Orm

Titel

Erstes Madrigalbuch

Komposition

Finnendahl, Orm

Detaillierte Besetzung

kleiner gemischter Chor, Bassflöte, Live-Elektronik und 8-Kanal-Zuspielung, sowie perkussive Zusatzinstrumente

Dauer

ca. 25 Min.

Schwierigkeitsgrad

4 mittel-schwer
Schlagwörter

Alltagsgegenstände, erweiterte Spieltechniken/Vokaltechniken, Improvisation, Kompositionswerkstatt / partizipatives Arbeiten, Live-Elektronik / Zuspiel, offene Form


KOMMENTAR

Kurzbeschreibung

Das Hörerlebnis in Orm Finnendahls „1. Madrigalbuch“ wird im Besonderen von den abenteuerlichen collageartigen Brüchen zwischen Renaissance-Vokalensemble auf der einen und der intervallischen Diktion zeitgenössischer Melodik auf der anderen Seite geprägt. Dieses Aufeinandertreffen provoziert augenblicklich, die Hörperspektiven auszutauschen, Hörgewohnheiten fallen zu lassen und zum aktuellen Klingen in Beziehung zu setzen – so wird die Wahrnehmung aufs Äußerste angespannt. Sowohl die Musik Gesualdos beansprucht die Sinne in besonderem Maße durch ihre ungewöhnlichen, spezifischen Ausdrucksmittel (besonders durch die Chromatisierung der Melodik und die ungewöhnlichen harmonischen Fortschreitungen), als auch durch die Klangwelten, die über die Live-Elektronik und Bass-Flöte in Erscheinung treten. Zur Körperlichkeit des Hörens trägt auch die räumliche Verteilung der Klänge bei, die Lautsprecher evozieren grenzenlose Weite, das Konzertpodium symbolisiert Nähe, obwohl stilistische Ferne vorherrscht. Diese Gegensätze sind vom Komponisten gewollt und fordern die Hörenden auf, Klänge wie Schicksale zu begreifen und ihnen zu begegnen. Die vier Madrigale erklingen im ursprünglichen Notentext Gesualdos. Dazwischen treten „komponierte Kommentare“ des zeitgenössischen Autors, zunehmend  mit elektronischen Einschüben und Einsatz der Flöte.

Notation

Teils klassische Notation für die Gesualdo-Madrigale und die vier Beiträge Orm Finnendahls, teils graphische Notation bzw. Anweisungen für die Zuspiele und Live-Elektronik. Klassische Notation der Flötenstimme.

Anforderungen

  • Der Flötenpart ist für ein/e professionelle/n SpielerIn der ohnehin ungewöhnlichen Bass-Flöte geschrieben.
  • Spezifische Mikrophonierung zur Live-Elektronik ist erforderlich. Insgesamt aber finden sich für professionelle InstrumentalistInnen keine ungewöhnlichen Spieltechniken.
  • Auch der sängerische Part ist im Wesentlichen geprägt von klassischer Tongebung, wie sie auch in der Aufführungspraxis von Renaissance-Madrigalen üblich ist. Freilich bieten die Gesualdo-Madrigale, die in ihrer Urgestalt erklingen, durch ihren sehr eigenen Stil enorme Herausforderungen an die Ausführenden, gerade die Intonation und Flexibilität des Ausdrucks betreffend.
  • Die „kommentierenden“ Kompositionen Finnendahls beinhalten aufführungstechnische Schwierigkeiten: in intervallischer, metrischer, agogischer Hinsicht sowie in der musikalischen Reaktion im Zusammenspiel der SängerInnen.
  • Gleichermaßen muss der/die DirigentIn souverän und mit klarem metrischem Dirigat agieren. Die perkussiven Aktionen des Chors mit Zusatzinstrumenten im zweiten Satz des Werks bedürfen besonderer Pflege und Konzentration in der Aufführung. Höchste Präzision innerhalb der rhythmischen Interaktionen ist hierbei notwendig.
  • Zu den Anforderung an die Realisierung der vier „kommentierenden“ Vokalsätze im Einzelnen:
    Der erste „Kommentar“ ist in sehr knappe Zeitwerte pointilistisch aufgelöst, quasi „verstreut“ gesetzt. Die Akkordverbindungen sind harmonisch deutbar, aber durch die langen Pausen verliert man leicht die Orientierung in den Beziehungen der Intonation.
    Der zweite Satz ist lediglich rhythmisch anspruchsvoll, ohne intervallisches, melodisches oder harmonisches Material. Die Ausführenden müssen metrisch akkurat agieren und „zählsicher“ sein, zumal das langsame Tempo eine klare innerlich pulsierende Aufmerksamkeit verlangt. Der/die DirigentIn kann da kaum helfen, der Schlag sorgt für die große Übersicht, die unterteilten Werte müssen die Ausführenden aber selbst leisten.
    Der dritte Satz stellt höchste Anforderungen an Intonationsklarheit bei sich ständig veränderndem Tempo und langer accelerando-Strecke. Dazu braucht es eine stabile Vorstellung von chromatisch-melodischen Gängen. Durch das sich immer mehr beschleunigende Tempo wird das Beziehen auf Intonationsanhaltspunkte erschwert.
    Der vierte Satz ist im Vergleich zu den vorangehenden Aufgaben einfacher, es gilt lediglich über längere Strecken stabile Intonation dissonanter Klänge zu bewältigen, insbesondere lang gehaltene große Septim-Spannungen.

Didaktische Hinweise und Empfehlungen

  • Die besonderen Schwierigkeiten zweier Sätze (I und III) von Orm Finnendahl könnten eventuell einem kleiner besetzten solistischen Ensemble übertragen werden. Dann reduziert sich die Studienarbeit des großen Chors auf den Notentext der Gesualdo-Madrigale und den perkussiven Teil II der Werkfolge, plus eventuell noch den Schlusssatz.
  • Orm Finnendahl bezieht sich in seinen kompositorischen Kommentaren auf die späte Komposition Luigi Nonos „Das atmende Klarsein“ für piccolo Coro, Flauto basso und Live-Elektronik. So liegt es einerseits nahe, das vokale Werk Nonos ins Spiel zu bringen – in einer Themenreihe, als Seminar-Inhalt, in einem Gesprächskonzert –, andererseits dem Madrigalschaffen der Renaissance Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei sind epochenübergreifende Betrachtungen für ein bildungshungriges, erlebnisfreudiges, waches Publikum möglich.
  • Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Kommentar einer Hörerin, die keinen unmittelbaren Zugang zur Musik hat: „Das Madrigalbuch von Orm Finnendahl – ich hatte noch nie solche Musik gehört und auf einmal war meine Welt eine andere, so als hätte jemand in meinem Kopf eine Tür zu einem Zimmer aufgestoßen, welches ich noch nie betreten hatte, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existiert!“
  • Eine praktische Bemerkung: Wenn sich ein Kammerchor geduldig – nicht zu knappe Vorbereitungszeit einplanen! – an die Partitur heranarbeitet, wäre es empfehlenswert, die vier oben grob beschriebenen kompositorischen Verfahren auf die Musik Gesualdos, auf ein selbst zu wählendes Madrigal, anzuwenden und daraus Wege zur Arbeit mit Finnendahls Werk zu kreieren, z.B.: 

    1. Satz: Kurze Sechzehntel-Akkorde mit größeren Pausenunterbrechungen durchsetzen.

    2. Satz: Madrigal-Text (eventuell verschiedene gleichzeitig ablaufende Texte) in Rhythmen übertragen und in langsamem Grundschlag unterbringen.

    3. Satz Gesualdos melodische Motive mit chromatischen Zwischentönen ausfüllen („diminuieren“) und immer schneller werden.

    4. Satz: Äußerste Dehnung des Gesualdo-Notentextes, eventuell nur dreistimmige Auswahlen, so dass isolierte Intervalle hervortreten können und wie pedalisiert liegenbleiben.

Bezugsquelle

Erhältlich beim Komponisten.

Das Werk "Erstes Madrigalbuch" hier ansehen.